Rückkehr nach Grönland | #2

Zum Glück hat Robert Peroni schon am nächsten Morgen die Lösung parat. Es ist 6:30 und ich wanke schlaftrunken zur Expeditionsküche, als mir Robert begegnet. "Ich habe ein Boot organisiert, das euch nach Sermiligaq bringen wird", erklärt er. "Es ist um 7 Uhr abfahrbereit", fügt er mit leicht entschuldigendem Unterton hinzu.  

Mein müdes Hirn schafft es gerade noch zu errechnen, dass uns somit 30 Minuten bleiben und ich spurte los, um Tee zu kochen und vier verschlafene Kinder mit winddichter Wintermontur zu versorgen - während Jens sich um die Gepäckmassen samt Mountainbike kümmert.  

Haus
Spielende Grönland Kinder

Zischende Riesen

Es ist noch leicht neblig, als wir den Kong Oscar Fjord verlassen und über den Polarstrom steuern. Auf offener See zwischen knackenden Eisbergen fühlen wir uns, als würden wir in einer Nussschale durch ein unendliches, unbekanntes Universum sausen. Im Angmagssalik-Fjord drosselt Vigo den Motor. "Da! Was war das für ein Geräusch?" will ich wissen. Wir lauschen in die Eismeerstille. Es klingt wie Wasserdampf, der aus einem überdimensionalen Kessel entweicht. "Humpback Whales!" Vigo deutet auf die Ostflanke des Fjordes und wir erkennen die Wasserfontänen der Buckelwale. Die Kinder sind völlig aus dem Häuschen und Vigo lässt das Boot eine ganze Weile lautlos treiben.

Ankunft in Sermiligaq

Nach drei Stunden Bootsfahrt erreichen wir Sermiligaq. Die Siedlung am Fjord mit der imposanten Bergkulisse gefällt uns auf Anhieb. Wir streifen zwischen den bunten Holzhäusern hindurch und treffen auf Edvardine, die für die Gemeinde arbeitet und gut Englisch spricht. "Wo wollt ihr denn in Sermiligaq übernachten?" fragt sie uns. Die Zelte haben wir diesmal in Tasiilaq gelassen, weil die Kinder seit der Eisbären-News mindestens eine Holzwand zwischen sich und der arktischen Natur einfordern. Edvardine greift zum Telefon und schickt uns dann zu Magdaline, bei der wir in den kommenden Tagen unterkommen. Ihr Ein-Zimmer-Häuschen liegt auf einer Anhöhe mit fantastischem Blick über den Fjord. Nur für den "Wasser-Holer" (und die Toiletteneimer-Entleerung) bedeutet das lange Wege über wackelige Holzplanken und Müllansammlungen bis zur Quelle.

Und endlich der Gletscher

Edvardine und ihr Freund Rasmus werden für uns in der kommenden Woche unersetzlich. Rasmus lebt von der Jagd auf Robben, Wale und Eisbären und vom Fischen. Da er ohnehin ständig mit dem Boot auf dem Fjord ist, setzt er Paula und Jens täglich bei den Gletschern ab, die sie dann zu Fuss erkunden. Allerdings kennt Rasmus die Gefahr, die vom kalbenden Gletscher ausgeht, ganz genau und nähert sich der eisigen Walze nur vorsichtig. Die letzte Strecke müssen die beiden dann, mit einem Gewehr im Gepäck, zu Fuss an der Küste zurücklegen, bis sie endlich vor der Wand aus zerklüfteten Eismassen stehen. Währenddessen wandere ich mit Hannah, Mio und Frieda zu den Seen oberhalb der Siedlung - immer begleitet von einer Schar Kinder und aufmüpfigen jungen Schlittenhunden, die uns neugierig verfolgen.

Fjorde
Hannah erkundet die Natur

Rückzug im Eiltempo

Was wir an den Abenden beim Vergleich der Gletscherbilder und des vorliegenden Kartenmaterials beobachten, wird uns von den Jägern im Ort bestätigt: Noch vor einigen Jahren liefen am Karale-Gletscher mehrere Gletscherzungen zusammen wie Stufen in einem überdimensionalen Amphitheater. Heute hat sich der Gletscher weit zurückgezogen. Und das in einem Tempo, das die Menschen in Sermiligaq stutzig macht. Genauso wie die verheerenden Stürme, die von Jahr zu Jahr zunehmen. Edvardine erklärt sich bereit, für uns zu dolmetschen. So können wir auch mit den Ältesten im Ort wie Boas Nathanielsen Interviews führen, in denen sie von Veränderungen in den Gletschern, ungewohnten Wettererscheinungen und den Auswirkungen dieser Veränderungen auf das Leben der Menschen in Sermiligaq erzählen.

Mondschein-Tour

Es kann kaum einen schöneren Ort für Kanutouren geben als Sermiligaq. Der Vollmond scheint hell und die gezackten Berggipfel, die Buchten, Holzhäuschen und Eisbärenfelle auf den Veranden wirken in diesem Licht noch magischer als am Tag. Jens hat beim Lehrer des Ortes zwei Kanus organisiert. "Vielleicht seht ihr Narwale. Die kommen bei Vollmond gerne in den Fjord." erklärt uns Edvardine. Und unser Hausnachbar fügt warnend hinzu: "Wagt Euch bloss nicht zu nah an sie heran. Wenn sie sich bedrängt fühlen, schlagen sie mit der Schwanzflosse." Ein bisschen mulmig ist uns dann beim Lospaddeln schon. Unter uns breitet sich eine Welt aus, deren Ausmass wir nur erahnen können. 

Und zu diesem Gefühl mischt sich die Erkenntnis, dass wir nichts anderes sind als kleine Winzlinge, die sich wahnwitzig wagen, zwischen turmhohen Eiskolossen am Fusse der Gletscher im weiten wilden Osten Grönlands zu paddeln. 

Es gibt sicher wenige Orte auf unserem Planeten, an denen Menschen so unnachgiebig mit sich selbst konfrontiert werden wie hier. Genau das ist es, was süchtig macht nach Grönland.

Eisberge