Rückkehr nach Grönland | #3

Ausblick über das Meer

Um zurück nach Tasiilaq zu kommen, haben wir ein „Date“ mit Johanna Kristina, dem Versorgungsschiff das die Ostgrönländischen Ortschaften miteinander verbindet. Es gibt zwar einen Fahrplan, bis auf den Tag weiss man aber nie so genau, wann das Schiff wirklich ankommt. Aber zum Glück haben wir von unserem Häuschen einen hervorragenden Überblick über den Fjord, um rechtzeitig am Pier zu sein.  

Nach einer wundervollen Schiffsreise durch die arktische Abendsonne nutzen wir den kurzen Aufenthalt in Tasiilaq zum Umpacken. Jana und die Kinder reisen weiter nach Tiniteqilaaq, an das wir im Winter unser Herz verloren haben. Ich habe mich mit Rasmus, dem Jäger aus Sermiligaq verabredet um einen lang gehegten Traum zu realisieren: Mit dem Fahrrad zum Inlandeis! Nachdem im Winter eine Tour zum Grönländischen Eisschild wegen des schlechten Packeises unmöglich war, steht der nächste Versuch auf dem Programm.  

Startprobleme

„Nördlich von Isertoq ragt das Eisschild mit geringem Gefälle bis ins Meer, dort müsstest Du mit dem Rad hochkommen...“ rät mir Robert Peroni, der genau an dieser Stelle schon eine Inlandeis-Überquerung begonnen hat. Ich will natürlich nur ein Stück weit zum Eisschild hinauf und habe mein Mountainbike bestens für diese Herausforderung vorbereitet: Spikes und die gekapselte Nabenschaltung für extreme Bedingungen von Rohloff. Das tagelang genau beobachtete Wetter spielt mit, als mich Rasmus bei Sonnenschein mit seinem Boot abholt. Aber schon beim Beladen passiert das erste Malheur: ich rutsche mit dem schweren Gepäck auf den Felsen aus und lande im eiskalten Polarmeer.

Hürdenlauf

Die nächste „Hürde“ ist das Polarmeer selbst, denn die See ist unerwartet rau. Nach Isertoq kommt man jedoch nicht durch die geschützten Fjorde, sondern nur weit über die offene See – durch den Wellengang bekomme ich meine zweite Polarmeerdusche und im Stillen frage ich mich, ob wir nicht besser umdrehen sollten. Ich bin nicht alleine mit meinen Zweifeln, kurz darauf macht Rasmus kehrt: „Das Boot ist zu klein für diese Wellen...“. Soll es auch dieses mal mit dem Inlandeis nicht klappen? Enttäuscht studiere ich die Karte und entdeckte eine Fjordpassage die zum Johan Petersen Fjord führt. Auch von dort hat Robert eine Inlandeis-Tour gestartet, wenn auch im Winter unter anderen Bedingungen.

Sunrise on Ice

Trotz Umwegen kommen wir mit den letzten Sonnenstrahlen am Fusse des grönländischen Eisschildes an. Die gewaltige Szenerie der kalbenden Eismassen ist einzigartig, dramaturgisch auf die Spitze getrieben durch den orkanartigen Fallwind, der die untergehende Sonne „ablöst“. Beim Zeltaufbau müssen Rasmus und ich aufpassen, dass uns keine losen Teile wegfliegen und an Schlaf ist in der Sturm gepeitschten Nacht mit Eisbärengefahr nicht zu denken - was den Vorteil hat, dass ich um 4 Uhr den Sonnenaufgang über dem Eisschild miterleben darf. Nach einer langen Fotosession und einem kurzen Frühstück verabschiede ich mich von Rasmus und breche mit dem Fahrrad auf, um näher an das Eisschild heranzukommen.

Gletscher mit dem Mountainbike

Ehemals ewiges Eis

Der endlose Aufstieg am Moränenrand ist äusserst strapaziös, aber es gibt immer wieder moosbewachsene Passagen, auf denen ich mit den Spikes gut vorankomme. Nach mehreren Stunden erreiche ich endlich die Ausläufer des Eisschildes und finde zwischen den kleinen Eishöhlen in der Gletscherzunge einen fahrradtauglichen Aufstieg. Der Ausblick in das (schmelzende) ewige Eis raubt mir den Atem, auch wenn ich ohnehin schon ausser Puste bin. Doch schon bald zwingt mich eine Armada von Gletscherspalten zum Umkehren. Rasmus wartet schon ungeduldig am Boot, denn der starke Wind hat die Eisberge derart zusammengepresst, dass ein Durchkommen mit dem Boot fraglich ist. Vor allem wird es viel länger dauern als geplant. Aber Jana und die Kinder warten wie abgemacht am Pier von Tiniteqilaaq, damit wir gemeinsam mit Johanna Kristina nach Tasiilaq zurückreisen können.

Eishöhle
Familie Steingässer