Rückkehr nach Grönland | #4

Mio

Nach einer turbulenten Bootsfahrt auf dem nebligen Polarstrom tauchen endlich die Häuser von Tiniteqilaaq samt brennender Müllkippe vor uns auf. Ich habe noch nicht einmal genug Zeit, um unser Gepäck in die kleine Hütte zu schleppen. Die Kinder flitzen schon voraus und rufen laut die Namen ihrer Freunde vom letzten Winter.  

Als die kurz darauf vor ihnen stehen ist schwer zu sagen, wer verdutzter ist. Dann liegen sie sich in den Armen. Was für ein Freudenfest! Es fühlt sich an, als hätten wir gerade erst vor ein paar Wochen Tinit verlassen. Alles ist beim Alten - nur eben ohne Schnee. Und wenn der schmilzt, kommt an einigen Stellen leider auch ein anderes Tiniteqilaq zum Vorschein, dem wir uns kaum entziehen können. Wohin wir auch gehen, überall knirscht es unter unseren Füssen: Glasscherben, Coladosen, Plastiktüten, Chipstüten - was nicht mehr gebraucht wird, landet vor den Haustüren als gäbe es kein Morgen.  

Wegschauen unmöglich

Richtig deutlich werden uns diese Schattenseiten Ostgrönlands am Zustand der Schlittenhunde. Während diese bei unserer letzten Winterreise zumindest im Einsatz waren, vegetieren viele nun in erbärmlichem Zustand vor sich hin. Als Winter-Nutztiere sind sie im Sommer für die Jäger ganz einfach nutzlos. Die Schlittenhunde und ihre Besitzer spüren dabei zunehmend die Auswirkungen des Klimawandels. Noch vor zehn Jahren, so berichtet unser Freund Rasmus, konnte er mit seinen Hunden fünf Monate auf dem Eis jagen gehen. Jetzt sind es mit etwas Glück noch drei. Dann bleiben neun Monate, in denen die Jäger ihre Hunde nicht mit ausreichenden Mengen an frischem Fleisch versorgen können. Gepaart mit den ohnehin schon bestehenden sozialen Problemen führt das zu den Bildern, die uns nicht nur in Tiniteqilaaq sondern in ganz Ostgrönland begegnen: Viele der Hunde überleben das Warten auf den nächsten Winter nicht. Sie verdursten und verhungern an ihren Ketten. Zum Glück gibt es Menschen wie Marion Locker vom Tierschutzverein Robin Hood, die sich mit Respekt für die Kultur der Inuit und deren Lebensbedingungen diesen Problemen annimmt und dabei noch junge arbeitslose Grönländer engagiert.

Die Sprache des Eises

Unser Häuschen steht direkt am Fjord. Vom Matratzenlager aus schauen die Kinder aus dem Fenster und spielen "Eisberge zählen", bis ihnen die Augen zufallen. Nur die ohrenbetäubende Geräuschkulisse, die das Kalben der Gletscher in den Fjord begleitet, reisst uns in der ersten Nacht immer wieder aus dem Schlaf. Es klingt, als ob am Rande des Eisschildes ein Munitionslager in die Luft fliegt. Täglich beobachten wir ehrfürchtig, wie Eisberge implodieren und beim Kentern eine Welle verursachen, vor denen sich die Jäger in ihren Booten und Kajaks hüten. 

Wer hier überleben will, muss die Sprache des Eises verstehen - das gilt heute noch genauso wie vor dem Zeitalter der Motorboote und Mobiltelefone.
Eisberge

Am Haken

Paula, Mio, Hannah und Frieda steckt noch immer die Angst vor Eisbären in den Knochen. Ausserdem haben wir kein Gewehr bei uns, weil Jens und Rasmus damit am Inlandeis sind. Deshalb schlagen wir unser Tageslager am Rande der Siedlung auf, wo sich bei Ebbe kleine Eisberge sammeln. Mio verbringt Stunden damit, Eisberge mit Steinen zu bearbeiten oder zu Angeln. Er hat sich in den Kopf gesetzt, uns ein Fisch-Abendessen zu servieren. Und tatsächlich: Auf einmal zappelt es an der Angelschnur. "Mama, da hat was angebissen!" Mio zieht die Angel ein und am Haken hängt ein kleiner Fisch, der eher wie ein Drache aussieht. Solche Fische kennen wir vom Eislochangeln im Winter - die Grönländer nennen sie Suppenfisch, weil ausser etwas Geschmack für die Suppe an dem Kerlchen nichts dran ist. Wir befreien den Fisch vom Angelhaken, und als Dank beisst er mir kräftig in den Finger. "Wir hätten den Suppendrachen auch mit nach Deutschland nehmen können" überlegt Mio, während der sich schnell aus dem Staub macht.

Wo sich Wal und Robbe "Gute Nacht" sagen

Unseren Lieblingsplatz besuchen wir täglich. Von den sonnengewärmten Felsen aus blicken wir auf das Inlandeis auf der anderen Fjordseite. Robben tauchen in Scharen vor uns auf und beobachten uns neugierig. Paula wagt sich auf die äußersten Felsen, um ihnen so nah wie möglich zu sein. Und plötzlich taucht vor uns ein riesiger, schwarzer Berg aus dem Wasser auf. Ein Buckelwal! Zum Greifen nah! Er schwimmt ganz gemächlich vor uns her, taucht auf und ab, bläst seine Fontäne vor unseren Nasen in die Luft. Völlig ungerührt von unserer Anwesenheit tummelt er sich zwischen den Eisbergen, verschwindet nach einer Weile, um dann wieder direkt vor uns aufzutauchen. Uns ist allen fünf klar, was für ein einzigartiges Moment uns damit geschenkt wurde. Und Frieda fasst es mit ihren Worten zusammen: "Wenn das der Jens hört, dann weint er weil er nicht dabei war!"