Die wilden Tonaufnahmen von Chris Watson

Das englische Wort ‚gift‘ heisst bekanntlich nicht nur Geschenk, sondern auch Begabung. Dennoch sind weder das batteriebetriebene Tonbandgerät, das der Brite Chris Watson mit 13 Jahren geschenkt bekam, noch seine unleugbare Begabung für das Finden, Erfassen, Dokumentieren und Verarbeiten aller möglichen und unmöglichen Klänge allein dafür verantwortlich, dass man ihn heute als den vielleicht wichtigsten und bekanntesten Sound Recordist überhaupt kennt.

Auch dass er in den vergangenen 53 Jahren als Mitbegründer der wegweisenden Experimentalgruppe Cabaret Voltaire reüssierte,  unzählige Tonträger aus Field Recordings komponierte, Radioprogramme, Workshops und Podcasts für u.a. die BBC verfasste, Soundtracks kreierte, live performte oder zuletzt der Oscar Preisträgerin Hildur Guðnadóttir bei Aufnahmen in einem litauischen Atomkraftwerk assistierte, ist nichts, was wir nicht auch theoretisch könnten. Sagt zumindest der Mann, der 2021 in Berlin mit einer gewaltigen Sound-Installation im Auftrag der UN die „Dekade der Ozeane“ einleiten wird.

Chris Watson and long-time collaborator David Attenborough in Costa Rica 2019
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Chris Watson und sein langjähriger Kollege David Attenborough

„Wir wurden alle als gute Zuhörer geboren. Ich denke, ein Grund dafür ist, dass wir alle von Menschen abstammen, die gute Zuhörer waren. Vor 40.000 Jahren lebten wir alle in Höhlen. Wir hätten also irgendwo oben in den Alpen, in Lascaux in Frankreich, in den Bale Mountains, Äthiopien oder in der Kalahari gelebt. Und wenn wir nachts schliefen und ein Säbelzahntiger oder einige Tüpfelhyänen in unsere Höhlen gekrochen kamen, gaben diejenigen Menschen ihre Gene weiter, die aufwachten und aus dem hinteren Teil der Höhle entkamen. Die Leute, die damals nicht aufgewacht sind, sitzen jetzt nicht hier, weil sie keine guten Zuhörer waren und ziemlich schnell in eine evolutionäre Sackgasse geraten sind.“

In unserer zeitgenössischen, aufs Visuelle fixierten Welt, können uns zwar keine Säbelzahntiger mehr zerreissen, allerhöchstens kann uns das taube Überqueren der Straße den Garaus machen. Aber Watson weiß um die Wichtigkeit nachhaltiger, emotionaler und sinnlicher Erlebnisse und ist zuversichtlich, dass es eine neue Neugier auf und Sehnsucht nach Deep Listening Experiences und dem gemeinschaftlichen Erleben des auralen Reichtums, den unsere Welt, ob in der Natur oder der Stadt, bereithält, gibt. 

Chris Watson recording for Green Planet in Arizona
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Tonaufnahmen für BBCs The Green Planet in Arizona

„Schaffe den richtigen Rahmen zum Zuhören. Du befindest dich also in einem behaglichen Raum, dimmst das Licht – man braucht keine grelle Beleuchtung oder Bilder. Sorge dafür, dass sich die Leute einfach wohlfühlen und schaffe eine angenehme Umgebung mit guter Akustik, einem wirklich guten Soundsystem, und die Leute werden es schon begreifen. Man braucht nicht viel zu erklären, denn der Sound funktioniert intuitiv. Was das angeht, ist er zutiefst emotional und kraftvoll, aber du musst den Menschen erst die Gelegenheit geben, ihn zu hören. Bring alles andere zum Schweigen.“

All die Klänge, die Chris Watson für sein bevorzugtes kreatives Medium, der Installation/der Performance nutzt, die er auf zahllosen Reisen unter Wasser, über Land, eben im ‚field‘ ‚recorded‘ hat, wollen ja auch erstmal gefunden werden. Wie kommt jemand, der in einer zwar experimentellen aber dennoch im weitesten Sinne popmusikalischen Band begonnen hat, dazu, vom bequemen Drinnen ins unsichere Draußen zu gehen? Was treibt ihn heut noch an?

„Du setzt zum ersten Mal deine Kopfhörer auf und erlebst diese einzigartige Perspektive auf die Welt in einer Weise, die nur du in diesem Moment hören kannst.“

“Entdecken, hören, aufnehmen und sich mit der Sache beschäftigen. Meistens mit der natürlichen Welt, aber im Grunde wirklich mit allem, was mein Interesse geweckt hat. Je älter ich werde, Kinder und Enkelkinder habe, desto mehr muss ich mich auf das konzentrieren, was wirklich interessant, produktiv und erstrebenswert ist. Das sind Dinge, die man durch Erfahrung lernt, durch das Handwerk. Bei mir löst das immer noch diesen erstaunlichen Funken von Aufregung und Begeisterung aus. Du setzt zum ersten Mal deine Kopfhörer auf und erlebst diese einzigartige Perspektive auf die Welt in einer Weise, die nur du in diesem Moment hören kannst. Ich liebe aber auch die andere Seite, bei der ich diese Perspektive in die weite Welt ausstrahle und in der Lage bin, diese Erfahrung mit einem Publikum zu teilen 

Wenn wir alle gute Zuhörer sind, können wir auch alle gute Sound Recordists werden?

„Ich glaube, ich interessierte mich mehr für das, was ich draußen hörte, als für das, was wir drinnen im Studio kreierten.“

„Hol dein iPhone raus, mach ein paar Aufnahmen. Du brauchst dir nicht eine Ausrüstung für zigtausend Euros um deinen Hals zu hängen. Aber du musst herausfinden, ob es wirklich dein Ding ist. Es ist ein ziemlich harter Job da draußen, wenn es regnet oder eiskalt und dunkel ist. Deshalb ist es enorm wichtig, körperliche und praktische Erfahrungen zu sammeln. Manche Leute finden die Idee toll, sind aber einfach nicht gerne draußen. Ich mag dieses Gefühl der Isolation. Als ich mit der Band zusammen war, war es wahrscheinlich so, dass ich mit dem Aufnehmen im Studio frustriert war, und das mein Gegenmittel war. Am Rande von Sheffield gibt es offenes Moor, Wald und viele Grünflächen, auf denen ich damals mit Maggie (Anm. d. Red.: seine Frau, die immer noch oft mit ihm unterwegs ist) einfach nur spazieren ging.

Recording wood ants, Northumberland
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Chris Watson beim Aufnehmen von roten Waldameisen in Northumberland

Und weil wir das Studio hatten, nahm ich immer mehr ausgeklügelte Aufnahmegeräte aus dem Studio auf diese Spaziergänge mit und hörte mir diese Sounds wieder an. Ich glaube, ich interessierte mich mehr für das, was ich draußen hörte, als für das, was wir drinnen im Studio kreierten. Ich fand es merkwürdiger, aber einnehmender und einfach faszinierend. Ich wollte das volle Potenzial dieser Dinge erforschen. Und das war innerhalb der Beschränkungen einer Band einfach nicht machbar.”

“Gott sei Dank!”, möchte man ausrufen, denn auf diesem Weg bleibt uns nicht nur erspart einen großartigen Künstler wie Chris Watson, der in vielen Medien zuhause ist, im 21.Jahrhundert als Teil einer steinöden Popmusik-Reunion-Tour bemitleiden zu müssen, sondern auch er selbst kann vielleicht endlich einen Sound aufnehmen und weitertragen, der ihm schon lange am Herzen, aber noch nie in den Ohren lag:

„Ich habe mich in den letzten 15 Jahren sehr für die Aufnahme von Geräuschen in den Meeren und Ozeanen interessiert. Ich habe viel gemacht, von der Arktis bis zur Antarktis, aber es gibt eine Sache, die ich schon immer aufnehmen wollte. Als ich für das Stück „Decade of Ocean“ beauftragt wurde, fragte man mich, was das sei. Ich sagte, dass ich schon immer das Lied des Blauwals aufnehmen wollte. Also fahre ich demnächst zum Mar de Cortéz in Baja California, wo sich die Blauwale versammeln, um zehn Tage lang zu versuchen, sie mit Unterwassermikrofonen aufzunehmen und dann hoffentlich im Sommer auch Beluga-Wale für dasselbe Projekt aufzunehmen.“

Was bei allen lauernden Schwierigkeiten sicher immer noch leichter sein wird, als die Anfrage einer hier aus ‚off the record‘-Gründen ungenannt bleiben müssenden Gaming Company zu erfüllen, die ihn einst bat,  doch bitte zur Beschallung eines Videospiels einen echten Säbelzahntiger (!) aufzunehmen. Dass der sehr humorvolle und extrem unprätentiöse Chris Watson den Wunsch des Kunden dennoch zur vollsten Zufriedenheit erfüllte, indem er kurzerhand ein paar Krähen im nordenglischen Garten seines Hauses aufnahm, ist aber nur ein Gerücht, das an dieser Stelle auf keinen Fall bestätigt werden kann.

Adele penguins, Ross island, Antarctica
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Adeliepinguine, auf der Ross-Insel in der Antarktis

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